Texte / Ausstellungen

Stiftung für Kunst und Kultur Bonn

Johanna Heß

Wenn die Farben brennen
oder
von Flecken, Streifen und anderen Tieren

Dieter Ronte

Die Künstlerin brennt für Farben. Sie sieht die Welt in ihrer blendenden Farbigkeit. Kleinste farbige
Haufen, z.B. gefärbte Wolle, Blüten, Tücher, Naturerscheinungen usw. werden zu Auslösern von
neuen Bildern. Das General-Thema aller Kunstwerke ist Farbe, Farbe und noch einmal Farbe. Damit
ordnet sich die Malerin in die Tradition der Farbmalerei ein oder, genauer formuliert, in die Tradition
der Malerei mit ihren vielen Jahrhunderte alten Traditionen.

Farbe kann als primäres oder als sekundäres Bildmittel eingesetzt werden. Sie ist Teil der
künstlerischen Formgebung. Primär tritt sie auf, wenn sie wie in der Malerei gleichberechtigt die
Form mit artikuliert; sekundär, wenn sie eine bereits bestehende Form verziert. Johanna Heß hat sich
definitiv und unabdinglich für die primäre Lösung entschieden. Die klassizistische Kunsttheorie
verfeinert die Betrachtung, indem sie zwischen der substantiellen Form und der Farbe unterscheidet,
wobei die Farbe das Wandelbare, das Fließende bedeutet. Georg Wilhelm Friedrich Hegel und
Immanuel Kant sehen in der Form die Grundlage des Schönen,in der Farbe die Sinnenreize. Es hat bis
zum Ende des 19. Jahrhunderts gedauert, bis die ersten Maler, z.B. die Impressionisten, die Farben
unabhängig von der Form setzen konnten, was schließlich zur Abstraktion und zur Farbmalerei
führte.

Für JohannaHeß ist die Freiheit der Farben eine Selbstverständlichkeit - eine Freiheit für die Farben
ebenso wie für die Künstlerin, die sich darin zeigt, dass die Bindungen an den Gegenstand nicht mehr
vorgeschrieben sind, dass der Künstler das .Bernalen" (Willi Baumeister, "Das Unbekannte in der
Kunst", 111, 1947) eines Sujets hinter sich gelassen hat., Innerhalb der bildenden Künste ist es die
Malerei, die die subjektivsten und spontansten Optionen in sich birgt. Denn auf der Fläche des
Bildträgers ist sie gleichsam )hr eigener Herr" (Werner Hofmann, Bildende Kunst 2, Fischer-Lexikon,
1960, S. 78). Farbe verändert grundsätzlich ihren ursprünglichen Charakter als Farbe, wenn sie nicht
unrrirtt;l~ar genutzt wird, sondern Formen überhöhen soll, wie z.B. in der farbigen Skulptur.

Bei Johanna Heß verstärkt sich dieser Prozess zu Gunsten der Farbe, denn sie kommt - so paradox es
klingt - von der Bildhauerei. Sie war Meisterschülerin des strengen und eigenwilligen großen
Bildhauers der deutschen Nachkriegszeit Wilhelm Loth(1920 - 1993). Der Schritt zur Plastik erfolgte
nach einer Ausbildung als Töpferin. Tonfiguren, die normalerweise farbig behandelt werden.Doch
bei Johanna Heß wird immer das Alter Ego des Mediums als neue Option gesucht. Ihre nun über 25
Jahre alten Skulpturen, tönerne Haufen, sind farbig gefasst, aber sie sind monochrom. Sie sind nicht
in Stein gemeißelt, sondern modelliert. Durch das reflektierende Licht zeigen sich immer wieder
verändernde farbige Situationen, die die Skulpturen verlebendigen. Mit der Naturoberfläche des
Tons wäre dies nicht möglich. Zugleich verstärkt die einfarbige Farbigkeit malerische Prozesse beim
Lesen der Figuren zu Lasten einer räumlichen Erfahrung im Sinne einer dreidimenslonalen Besetzung
des Aufstellungsortes. In den frühen Aquarellen der Künstlerin, die im Akt-Saal der Karlsruher
Akademie entstanden sind, finden sich starke Anklänge an die weichen, fließenden Formen der
menschlichen Figuren des Meisters Loth wieder. Eine Angleichung , die durchbrochen werden muss.
Der Weg zur Malerei als Antwort auf Loth ist geebnet.

Die plastischen Erfahrungen leben in den kleinen, äußerst farbigen Collagen auf, als Bas-Reliefs
abgenommene Farbreste von der Palette mit dem Spachtel. Die Bindungen an die Charakteristika des
Modellierens zeigen sich erneut in den letzten Jahren. Doch es sind Bilder, die konzentriert die
Sprache des gewählten Materials artikulieren. Denn die Farbe wird wie Ton verbraucht. Sie kommt
direkt aus den Tuben voller Acrylfarben. Das Mischen auf der Palette entfällt. Diese nimmt nur das
"Zuviel" an nicht verbrauchter Farbe auf, als Farbobjekt. Das Mischen der Farben erfolgt im
spontanen Arbeitsprozess also nicht im klassischen Sinne auf der Palette, sondern auf der Leinwand
selbst während des Maiens. Die einzelnen Formteile dieser Farbreliefs sind aktionistische
Selbstfindungen der reinen Farbe.

Johanna Heß verschreibt sich mit großer Radikalität den .Flächenfarben", nicht den
"Gegenstandsfarben" (Wolfgang Schöne nach Werner Hofmann, a.a.O., 5.79). Diese Farben können
mit breiten Pinsel aufgetragen werden, so dass lasierende, leuchtende Bilder entstehen, die aus einer
inneren lichtvollen Ruhe heraus argumentieren. Oder sie werden mit dem Spachtel aufgetragen.

Jetzt schieben sich die Farbschichten über- oder untereinander. Die Pinselbilder nutzen die gesamte
Fläche des Bildträgers. Die Spachtelbilder arbeiten vielfach sogar mit nicht grundierten Flächen auf
der Leinwand, die Teil des farbigen Dialoges werden und nun den Formcharakter der Farben stärker
verdeutlichen. Alle Bilder haben weder Anfang noch Ende.

Den gemeinsamen Titel für die Bildserien der letzten Jahre benennt die Künstlerin als .Flecken,
Streifen und andere Tiere". Indem sie die abstrahierten Benennungen als ihre Tiere bezeichnet,
verdeutlicht sie, dass sie mit den spielerischen Formen arbeitet. Diese abstrakten Formen sind nicht
geometrische Verabredungen wie Kreise und Quadrate, Rechtecke oder andere polygonale Formen,
sondern spontane Findungen von Ähnlichkeiten. Die Einfachheit der Formen entsteht aus der
Bewegung, aus der gestischen Setzung heraus. Doch im Gegensatz zum Tachismus und dem Informell
entstehen wieder Formen, die äußerst bildimmanent zu tragenden Elementen einer farbigen
Komposition werden. Vehemente Farbballungen oder ,/bunte" Streifen addieren sich zu Bildern. Heß
interessieren auch nicht die sublimen Wechselwirkungen der Farben (Josef Albers). Einen Satz von

Jackson Pollack befolgt sie: Jarbe ist selbst Material". Doch bei Pollack ist sie nur monochrom im
Einsatz, nicht in der widersprüchlichen Radikalität ihrer Materialität. Die Traditionen der Malerei
lassen Johanna Heß kalt, sie lässt sie durch ihre neuen Bilderfindungen hinter sich. Die Radikalität
ihres Kunstwollens erschließt sich aus der farbigen Zusammensetzung der Bilder. Farben prallen
ungestüm und aggressiv aufeinander und werden doch zur Einheit im Bild gezwungen. Jede Farbe
scheint eine andere Gesetzmäßigkeit mit sich zu bringen. Die Malprozesse sind als kämpferische
Auseinandersetzungen zwischen Farben und Bildträger vom Betrachter direkt zu erfahren. Jede
Farbe löst beim Betrachter andere Erinnerungen aus. Im Zusammenspiel entstehen neue
Konnotationen. Johanna Heß verschleiert nicht, denn sie öffnet Augen und Sinne. Ihre Kunstwerke
führen einen offenen Dialog, sind dialogische Bilder. Umberto Eco nannte diese Qualität 1962 in
seinem gleichnamigen Essay die opera aperta - das offene Kunstwerk. Kunstwerke, die nicht den
ikonographischen Zeigefinger erheben, sondern zum Mit-Sehen, zum Mit-Fühlen und Mit-Denken
auffordern. Denn die Sehnsucht nach dem Ich wird artikuliert, ebenso wie die Suche der Betrachter
nach sich selbst.

Oft muss eine Bildwerdung korrigiert werden, was auf der Leinwand im direkten Malprozess nicht
möglich ist. Die Leinwand wird entfärbt und zumeist als Fußbodenbelag im Atelier weiter verwendet.
Jedes Bild ist ein Vabanquespiel. Es stellt sich immer jeweils wieder neu der Augenblick der Wahrheit
ein. Hier muss die Künstlerin entscheiden, ob das Bild "fertig" ist oder ob sie weitermalt. Spätere
Korrekturen sind bei der Malerei "nass in nass" praktisch ausgeschlossen. Doch wird das Kunstwerk
"besser", wenn weiter gemalt wird oder verliert es an Kraft? Diese Entscheidung über den richtigen
Moment des Nicht-Weiter-Arbeitens ist Teil der so intensiven Kreativität der Malerin. Johanna Heß
arbeitet ohne Kompromisse, ihre malerischen Aggressionen ohne Zerstörungswut. Sie richten sich
nicht gegen etwas, sondern artikulieren einen positiven Kosmos. Diese Gerichtetheit ist keine
mimosenhafte Aktion, sondern die Selbstbestimmung durch Kunstfindung, ausdrucksvolle
Bestätigung des eigenen Tuns. Die Bilder entziehen sich der anklagenden Frauenkunst, sie
diskutieren keine Genderfragen oder andere gesellschaftlichen Probleme. Sie sind eigenständige
Energiezentren, die expansiv explodieren. Johanna Heß malt nicht als reflektierende Unfreie, sondern
als stark und selbstbewusst Handelnde. Die Bilder schleudern sich aus ihr heraus. Es sind ehrliche und
wahrhaftige Bilder.

Die Grundlagen aller Bilder ankern in der Emotionalität der Malerin, mit der sie die Welt wahrnimmt
und erfährt. Das gilt auch für die anderen Künste wie Theater, Musik, Literatur. Sie liebt Kunstwerke
mit Zufälligkeiten, nicht die geplanten und durchrationalisierten Kunstäußerungen. Die Welt kennt
zwar viele Verabredungen und von Menschen erdachte Gesetze, die das Zusammenleben
vereinfachen sollen, aber im Grunde genommen ist das Leben ein großes emotionales Abenteuer,
das die Künstlerin schildern möchte. Allerdings schildert sie nicht im Sinne der Historienmaler, der
Erzählungen o.ä., sondern anhand der Unmittelbarkeit, der Direktheit der erfahrenen Gefühle. Ihr
Lebenselixier sind die Farben. Große und kleine Farbformen sind Wiederspiegelungen dieser

Erkenntnisse. Diese sind fast rau, sie werden aus dem Bild in den Raum geschleudert. Nicht Andacht
und edle Gefühle werden zur Beruhigung der Augen und zur Meditation des Geistes angestrebt,
sondern Attacke und Aufruhr der Sinne. Heß folgt nicht den Zielen der Abstraktion, die oft mit dem
berühmten Satz von Laotse untermauert werden: "Der Vollendete handelt ohne Antrieb, schafft
ohne Gegenstand, erdenkt ohne Ziel." Die Malerei der Künstlerin ist zielgerichtet, ohne verklärenden
Romantizismus, unromantisch. Sie ist gemalte Philosophie als praktische bildnerische Erkenntnis, als
unendliche Reise in das Innere des Menschen.

Die Bildtitel sind als Erinnerungstitel zu verstehen. Durch sie werden die Bilder getrennt. Sie haben
keinen deskriptiven Sinn, mit dem das Bild erklärt werden soll, sind jedoch auch als parallele
Gedankensetzungen zur Erklärung der Welt einzusetzen. Denn hinter den Bildern stehen optische
Felder, die nur der Künstlerin im Rückblick und in der Auseinandersetzung mit dem fertigen Bild zur
Verfügung stehen. Durch den Titel, der immer später hinzugefügt wird, wird dem Geheimnisvollen
des Bildursprungs ein wenig, aber wirklich nur ein wenig, der Schleier gehoben. Die Schleier
verbergen die Aufregungen, die sich im Bild visuell verwirklichen. Klassische Schönheiten von
Harmonien und edler Eintracht, von Einfachheit und zeichenhafter Erhabenheit hingegen verbergen
sie nicht. Johanna Heß sucht durch die Kunst Wahrheiten und Möglichkeiten, nicht aber die
Idealisierung von Verhältnissen. Deshalb stellt jedes Bild neue Fragen an die Malerin selbst wie auch
an jeden Betrachter.

Foto: Benedikt Frings-Neß, Bonn
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