Texte / Ausstellungen

Johanniterkrankenhaus Bonn 2005

Johanna Heß, Ausstellungseröffnung am 4. 11. 2005 im Johanniterkrankenhaus

Text: Dr. Nicole Birnfeld


Sehr geehrte' Damen und Herrn,
Liebe Johanna Heß

Zeit zum Farben sehen

„Ich komme ja eigentlich nicht von der Malerei, sondern die Bildhauerei waren meine
Anfänge in der Akademie."

So das Bekenntnis der Künstlerin bei meinem Besuch in ihrem Atelier. Während sie
ihren Werdegang erzählt, und dabei ihre neuen leuchtenden Bilder und Aquarelle zeigt,
wirbelt sie durch den Raum und versprüht diese besondere Energie, die auch von
ihren Arbeiten ausgeht.

Die Farbe hat es ihr also angetan und sie hat sich ihren Weg gebahnt von Kuben über
konkaven Formen und ist nun zur reinen Farbmalerei gelangt. Weg von den
dreidimensionalen Ansichten zur einer neuen Konzentration, in der allein der
Bildträger und das Pigment für sich bestehen müssen. Das heißt damit auch die
konsequente Vermeidung von bildhaften Darstellungen, der Wegfall von einer
Beziehung von Figur und Grund, eine, Negierung des kompositionellen Bildaufbaus
oder ein Rückbezug auf eine Bildräumlichkeit. Und somit geht es bei der reinen
Farbmalerei immer zuerst darum, die Farbe als Farbe zu sehen und nicht als
Eigenschaft von Dingen.

Entstanden sind nun geballte Farbräume, deren Anziehungskraft man sich nicht
entziehen kann. Brombeerrot trifft auf Apfelgrün, Burgunderfarben prallt auf ein
Aquamarinblau, ein sattes Sonnengelb grenzt an erdfarbene Farbflächen. Und diese
Flächen prallen in der Tat aufeinander, reagieren miteinander, treten in Konkurrenz,
konzentrieren sich, finden Ruhe und Aufregung, lösen und entspannen sich, finden
Einklang und Disharmonie.

Wie verbinden sich nun diese einzelnen Farbfelder? Wie werden die Grenzen
überwunden, wie findet ein Violett zu einem Dunkelrot, ohne dass diese nebeneinander.
für sich und isoliert stehen?

Dieser besondere Prozess der Farbgewinnung ist eine der vielen Herausforderungen,
die immer zu Überraschungen neigen, sich nicht von Automatismen lenken lassen.

Das Ergebnis ist nicht reproduzierbar und die Künstlerin betont den schwierigsten
Punkt ihrer Arbeit: wann ist etwas wirklich beendet? Wann muss man aufhören, wann
darf man den Prozess weiter voranschreiten lassen?

Und dann die vielleicht dringlichste aller Fragen: wie gelingt es, die Farben wirklich
zum Leuchten zu bringen?

Schaut man genauer hin, erkennt man den Duktus, der häufig den Arbeitsverlauf
markiert, indem einzelne Streifen und Kreise , die Bildfläche dynamisch durchdringen
und eine Richtung vorgeben können. Wenn Johanna Heß ihre Bilder malt, liegen die
Leinwände auf dem Boden Hier wird nicht ausschließlich mit dem Pinsel gemalt,
sondern sie streicht die Farbe auch mit Spachtel und Bürste über den Bildträger.

Aber was hat es eigentlich auf sich mit der Farbe? Was sehen wir eigentlich? Und das
ist gar nicht so schnell und einfach zu beantworten. Belassen wir es bei der recht
nüchternen Betrachtung, dass es sich hierbei um nichts anders als um Licht handelt,
das gebrochen von einer Oberfläche reflektiert wird. Aber was sehen wir wirklich?

Johanna Heß geht beim Malen nicht vom Inhalt aus und das ist ein ganz
entscheidender Ansatz. Legitim ist es aber nach der Fertigstellung zu assoziieren.
Natürlich können wir vor unserm geistigen Auge beispielsweise Landschaften
entstehen lassen. Manche Arbeiten erinnern an einen Seerosenteich, andere an saftiges
Obst oder an einen atmosphärischen Garten. Manche Bildtitel deuten eine Tendenz an,
die aber keineswegs zwingend ist. Ohne der Gefahr zu unterliegen, sich in
langwierigen Kunstdiskursen zu verlieren: aber als beispielsweise der berühmte
impressionistische Maler Claude Monet, seine Seerosen in unzähligen Variationen auf
der Leinwand festhielt, ging er genau von dieser Wirklichkeit aus. Auch wenn das
Ergebnis die Anfange einer Abstraktion einleiten und damit das Unverständnis vieler
seiner zeitgenössischen Betrachter heraufbeschwor: Monets Bilder bilden Seerosen ab,
da sie auch vom Künstler intendiert waren.

Die Künstlerin Johanna Heß geht aber eben nicht von emer solchen
Landschaftsempfindung aus und das ist der entscheidende Unterschied.

Der Betrachter kann ihre Farbmalerei mit Inhalten füllen, in diesem Sinne ist auch die
Künstlerin Betrachterin.

Zuletzt sollte man sich aber immer darüber bewusst sein, an welchem Präsentationsort
uns die Malerei von Johanna Heß begegnet. Wir sind hier nicht im Museum, nicht in
einem Kunstraum, nicht in einer Galerie. Hier gehen in der Regel nicht Menschen ein

und aus, weil sie sich in erster Linie Kunst anschauen wollen. Wir befinden uns
augenblicklich in einer Ausnahmesituation. Aber was passiert, noch heute am späteren
Abend, wenn die meisten von uns wieder zu Hause sind?

An diesem Ort treffen Menschen zusammen, die ihren Weg zur Arbeit antreten, hier
eilen Besucher in die Halle, die vielleicht voller Ungeduld sind, weil sie nicht wissen,
was sie erwartet. Hier warten Patienten, die ihren Weg in den Alltag antreten, sich
wieder in die Welt dort draußen bewegen oder ihren Weg erst antreten zu einer Zeit,
die sicherlich, wie auch immer, eine Auszeit bedeutet. Sie alle betreten dieses
Krankenhaus, sei es aus Routine oder aus Gründen einer nicht alltäglichen Situation.
Der Ort ist aber jetzt ein anderer geworden.

Vielleicht nur aus dem Augenwinkel heraus, begegnet man Farbinseln, die dem ein
oder anderen den Duft von Sommer zurückgeben können.

Vielleicht ist die Auseinandersetzung mit den Werken der Künstlerin spontan aus einer
Wartezeit verknüpft, und führt überraschend zu einer intensiven Auseinandersetzung,
die die Sinne fordert.

So darf man die Bilder von Johanna Heß auch als Fenster begreifen, die einem den
Blick in eine besondere Welt bieten. Diese Welt geht in ein Inneres, das jeder für sich
allein entdecken muss und bestimmen wird. In einer Zeit, die von einer medialen
Bilderflut überschwemmt wird, ist es schwierig geworden zu sondieren und wirklich
zu verarbeiten. Die Farbmalerei von Johanna Heß bietet aber wirkliche
Rückzugmöglichkeiten, die jeder auf seine Art nutzen sollte.

Dieser Weg des Betrachters ist immer individuell. Die Frage, OB man etwas sucht
oder OB bzw. WAS man schließlich findet, muss ohne strikte Vorgaben und Leitfaden
beantwortet werden.

Dennoch möchte ich behaupten, dass die Arbeiten auf Sie alle" erlauben Sie mir dieses
Wortspiel- abfärben werden.

So wünsche ich, dass uns die Farbe von Johann Heß nicht mehr loslassen wird und es
sei ihr versichert: ja, sie bringt die Farbe zum Leuchten!

Danke für Ihre Aufmerksamkeit!

Text: Dr. Nicole Birnfeld