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Gefühlte Farben, von Dr. Nicole Birnfeld

über Johanna Hess Gefühlte Farbe: Gedanken zur Malerei von Johanna Hess

Saftiges Himbeerrot trifft auf schrilles Apfelgrün, ein bewegtes Pink prallt auf ein schillerndes Orange, ein sattes Sonnengelb grenzt an flirrende violette Farbflächen. Verwies Josef Albers einst darauf, wie spärlich es um die Liste unserer Farbnomenklatur bestellt sei, wenn es um die Benennung und Beschreibung von Farbe geht, so wird das sprachliche Defizit anhand des sprühenden Farbdialogs von Johanna Hess allzu schnell deutlich.
Johanna Hess wurde an der Staatlichen Akademie zu Karlsruhe Meisterschülerin von Wilhelm Loth (1920-1993), einem markanten Plastiker der Karlsruher Neuen Figuration.
Fokussierte sie ihr Augenmerk zunächst auf die Bildhauerei, ersetzte sie die Materialien Gips und Ton durch Farbe, die nun ungebrochen ihrerseits intensive Modulation erfährt.
Ihre Arbeiten kreisen gänzlich um das Thema Farbe, wobei das Verhältnis der Farbe zum Raum und zum Licht, Möglichkeiten zwischen Ruhe und Bewegung sowie Vielfältigkeit und Intensität befragt werden.

Geballte Farbräume und magisch leuchtende Farbsegmente treffen aufeinander und ziehen den Betrachter in den Bann. Diese Farbinseln prallen in der Tat aufeinander, reagieren miteinander, treten in Konkurrenz, konzentrieren sich, finden Ruhe und Aufregung, lösen und entspannen sich, finden Einklang und Disharmonie.
Dabei wird die bildhafte Darstellung konsequent vermieden, die Beziehung von Figur und Grund entfallen und der kompositionelle Bildaufbau oder ein Rückbezug auf die Bildräumlichkeit wird negiert. Wenn die Farbe selbst zum Thema des Bildes wird, ist die Befragung nach symbolischen Bedeutungen der Farbe obsolet.
Es wäre kurzsichtig zu denken, dass Farbe einfach geschieht, sondern diese wird von Johanna Hess als Bild und im Bild, das in der Regel auf dem Boden ausgebreitet ist, erarbeitet.
Einzelne Streifen und Kreise, die die Bildfläche dynamisch durchdringen, deuten den Duktus an, der vom Pinsel, von einem Spachtel oder von einer Bürste auf den Bildträger aufgetragen ist. Der Prozess der Farbschichtung ist eine der vielen Herausforderungen, die immer zu Überraschungen neigen und sich nicht von Automatismen lenken lassen. Und dann die vielleicht dringlichste aller Fragen: wie kann es gelingen, die Farben wirklich zum Leuchten zu bringen?
Die Künstlerin betont den schwierigen Akt des Loslassens: Wann ist ein Bild fertig? Wann muss man aufhören, ohne die Komposition zu zerstören? Die Ausführung ist ein individueller Prozess und das Ergebnis ist einzigartig
und nicht reproduzierbar.

Auch bei den Aquarellen von Johanna Hess wird das zu einer besonderen Herausforderung. Die Arbeitsweise verlangt einen raschen Zugriff, die Papiere werden in einem feuchten Zustand bearbeitet, ein zu langes Zögern würde den Prozess nahezu einfrieren oder damit unmöglich machen. Die flirrenden Farbstrudel finden zueinander und werden zu energievollen Pfaden, die hier mit dem Wesen der Malerin untrennbar verbunden zu sein scheinen.
Das Ineinanderfließen, die Übergänge der Farben sind für die Künstlerin besonders interessante Partien. Die Farbe hinterlässt Spuren in Farbe, bahnt sich ihren Weg und bietet Überraschungsmomente, die nicht mehr steuerbar sind. Verfolgt man diese Wege, so werden diese Automatismen ein Teil der pulsierenden Wirklichkeit so wie ein Teil des Lebens selbst.

Was sehen wir nun in Johanna Hess Bildern?
Die Künstlerin geht beim Malen nicht vom Inhalt aus, wobei es aber legitim ist, nach der Fertigstellung zu assoziieren. Natürlich können wir vor unserem geistigen Auge Landschaften entstehen lassen. Manche Arbeiten erinnern an einen Seerosenteich, andere an saftiges Obst, an duftende Blüten oder an einen atmosphärischen Garten. Es entstehen Farbinseln, die synästhetisch reizen.
Einige der Bildtitel verleiten an Ereignisse, Zustände oder Erinnerungsfetzen
anzuknüpfen, wobei diese aber keineswegs zwingend sind. Johanna Hess geht eben nicht von einer solchen Wirklichkeit aus und das ist der entscheidende Ansatz, ihren Arbeiten zu begegnen.
Der Betrachter kann ihre Farbmalerei mit Inhalten füllen, in diesem Sinne ist auch die Künstlerin Betrachterin. Die Bilder von Johanna Hess lassen sich eher als Fenster begreifen, die den Blick in eine besondere Welt bieten. Diese Welt geht in ein Inneres, das jeder für sich allein entdecken muss und bestimmen wird. Ihre Farbmalerei bietet Rückzugmöglichkeiten, die jeder auf seine Art nutzen kann. Dabei ist der Weg des Betrachters immer individuell. Die Frage, ob man etwas sucht oder was man schließlich findet, muss ohne strikte Vorgaben und Leitfäden beantwortet werden.
Letztlich wird es auch nie gelingen, eine bestimmte Farbe derart in Worte zu fassen, dass jeder Rezipient nur annähernd dasselbe fühlt, wenn er ein sanftes, samtenes und sattes Gelb von Johanna Hess betrachtet.
Farbe, die sie wahrhaft zum Leuchten bringt, wird im Hinblick auf die Intensität und Fülle ihrer sinnlichen Gegebenheit zur reinen Poesie.

Text: Dr. Nicole Birnfeld

Albers, Josef: Farberinnerung – Visuelles Gedächtnis. In: Paint. Das Gedächtnis der Malerei. Ein Lesebuch zur Malerei im 20. Jahrhundert. Hrsg. v. Sybylle Omlin und Beat Wismer. Köln 2000, S. 256 ff.

Vgl. Hübl, Michael: Johanna Hess: Samtig, sandig, offen. In: Die Farbe hat mich. Positionen zur nicht-gegenständlichen Malerei. Hrsg. v. Michael Fehr, S. 95.
S. Überlegungen bei Adolphs, Volker: Farbe-Fläche-Raum. Zur Farbmalerei der 90er Jahre. In: Farbe. Malerei der 90er Jahre (Ausstellung im Kunstmuseum Bonn, v. 18. 12. 1996 – 23. 02. 1997). Kunstmuseum Bonn 1996, S. 9 ff.