Texte / Ausstellungen

Galerie Michael Schneider 2010

IN FARBE SCHWELGEN

Galerie Michael Schneider Zeitgenössische Kunst, Bonn

Anmerkungen zur Malerei von Johanna Heß // von Nicole Birnfeld

Bei der Betrachtung der Malerei von Johanna Heß wirbelt man in einen farbigen Rausch, man taucht in Farbe ein und wird von ihr gefangen genommen. Es ließen sich die einschlägigen Stichworte finden, um eine kunsthistorische Einordnung vorzunehmen. Es ist unendlich viel geschrieben worden über das Thema Farbe in der zeitgenössischen Malerei, wobei auch zahlreiche Künstler und Künstlerinnen in eindrücklicher Weise den Umgang und das Erleben mit Farbe im eigenen Metier geschildert haben. Maßgebliche Forschungsergebnisse werden häufig zum Thema herangezogen, angefangen von Goethes Farbenkreis über Johannes Ittens Erkenntnisse der sieben Farbkontraste bis hin zu Harald Küppers Farbenlehre. Zudem führen Farbwirkungen zu erstaunlichen Phänomenen: So ist beispielsweise das Zeitgefühl in einer grünen Umgebung anders als in einer roten.

Aber was wäre, wenn man einfach einmal loslässt? Nur für den Moment. Eine Malerei, die für sich steht und nichts abbildet, verweist zunächst nur auf sich selbst. Wir sehen zuerst - nicht mehr und nicht weniger - das Ausbreiten von Farbe auf einer Fläche.

Aber diese Farbflächen haben es in sich. Leuchtende Farbballen existieren nicht isoliert nebeneinander, sie finden einen Weg der Überlappung und der gegenseitigen Durchdringung. Die Malerei von Johanna Heß ist fern von Unbewegtheit und Starrheit, die Künstlerin bewegt und lässt eine autonome pulsierende Farbwelt entstehen.

Wenn man die Bilder von Johanna Heß aus den letzten Jahren vergleicht, so lassen sich signifikante Entwicklungen und Veränderungen skizzieren. Ihre früheren Arbeiten zeigen differenzierte gebündelte Farbräume, die kaum innerhalb der Bildfläche zu bändigen sind und sich nach allen Seiten ausbreiten. Später finden diese Farbelemente zu einer neuen Ordnung, sie dehnen sich aus und durchleben eine Metamorphose.

Neuerdings trifft man auf unterschiedlich breite Farbstreifen, die von ihrer Leuchtkraft nichts eingebüßt haben. Die Bildfläche ist mittels eines vertikalen Duktus organisiert, wobei die verwobenen Farbfelder von einem farblich gemäßigten Fond aufgenommen und gehalten werden.

Es ist ein Abenteuer, die bewegte Farbmalerei von Johanna Heß zu entdecken. Die Künstlerin versieht ihre Bilder überwiegend mit Titeln. Klangvolle Namen wie .Hubellit", .Eulalia", .Betty's Cove" betören die Sinne, führen aber nicht zwangsläufig zu einer rationalen Erklärung oder lüften gar ein Geheimnis. Ist der Edelstein gemeint? Wer oder was mag Eulalia sein? Wo liegt Betty's Cove?

Die Begegnung mit den Gemälden von Johanna Heß bedeutet ein lustvolles Zuwenden, ohne Konfrontation mit einem festgelegten Thema. Maurice Denis stellte lakonisch fest, "dass ein Bild - bevor es ein Schlachtross, ein Frauenakt oder irgendeine beliebige Anekdote ist - im Wesentlichen eine plane Fläche ist, bedeckt von Farben, zusammengestellt in einer bestimmten Ordnung." Auch wenn diese kühne Behauptung im Falle von Denis keinesfalls die endgültige Verabschiedung des
figurativen Sujets bedeutete, wurde sie fortan zu einem Postulat der Moderne.

Wie viel Zeit braucht die Kunst? Wie lange verweilen wir vor einem Kunstwerk, um es zu sehen? 10 Sekunden? 30 Minuten? Ein Leben lang? Was muss man tun, um sich noch an das Exponat zu erinnern, an dem man vorbeigeschlendert, vor dem man stehengeblieben oder an dem man vorbeigeeilt ist? Was bleibt, kann ein Erinnerungsfetzen oder ein winziges Detail sein: Der Henkel einer kleinen blauen Tasse von Bonnard, ein pastoser Himmelsstreifen eines van Goghs, die flimmernde
Farbfläche von Rothko. So ein Kürzel kann derart nachhaltig sein, dass es fortan einen festen Platz in der Erinnerung des Rezipienten erhält.

Verwenden Sie nicht soviel Energie darauf, eine Überschrift zu dechiffrieren, die wie eine exotische Geheimsprache anmutet. Wir sollten uns vielmehr die Zeit nehmen, die Malerei von Johanna Heß wirken zu lassen. Wesentlich ist doch, was die Farben und Formen mit uns anstellen, was sie uns ganz persönlich erzählen. Solche Prozesse können auch ohne Worte und ohne Anleitung auskommen.

Was bleibt? Bleibt mehr als eine flüchtige Erinnerung?

Was bleibt? Mehr als eine flüchtige Erinnerung!

Text: Dr. Nicole Birnfeld

Fotos: Peter Oszvald



Betty's Cove

Switch the light on 2009

Eulalia, 60cm x 60 cm, 2008